1. LACHENDORFER LITERATURHERBST 24. - 26. SEPTEMBER 2004 IN BARGFELD & ELDINGEN: EIN RÜCKBLICK


Knisternde Atmosphäre und überwältigende Resonanz

Zweieinhalb Tage Lesungen, Ausstellungen, Führungen, Auktionen und ein hochkarätiges Konzert zum Abschluss: das war der 1. Lachendorfer Literaturherbst vom 24. – 26. September in Bargfeld und Eldingen. Und vom Startschuss am Freitagabend mit der Wiedereröffnung der umgebauten Gerd-Wilhelm-Rotermund-Bibliothek in Eldingen über die Lesungen der Bargfelder Autoren, das Gastspiel des großen deutschen Dichters Walter Kempowski, das Bargfelder Nachtprogramm mit Dia-Schau und Schlotter-Schmidt-Lesung, die Arno Schmidt-Matinee, Führung in und um Bargfeld, Dichterlesung am Sonntag-Nachmittag, die große Bargfeld-Auktion bis zum krönenden Abschluss am Sonntagabend mit dem phantastischen Liederkonzert mit dem Countertenor Denis Lakey und der Pianistin Graínne Dunne in der Eldinger Marienkirche war allen Veranstaltungen eines gemeinsam: eine großartige Atmosphäre und eine überwältigende Publikums-Resonanz.

 Literatur und Lesungen sind häufig etwas für ein ganz spezielles, zahlenmäßig eher kleines Fachpublikum. Das gilt erst recht bei der Vorstellung lokaler, weniger bekannter Autoren, die zudem vielleicht noch anspruchsvolle oder schwierige Texte verfassen. Auch der Name des berühmtesten Bargfelder Literaten Arno Schmidt lockt im Allgemeinen eher die Eingeweihten an, gilt er doch als ausgefallen und schwer verständlich.
Der 1. Lachendorfer Literaturherbst mit seinen 14 Veranstaltungen in Bargfeld und Eldingen hatte sich zum Ziel gesetzt, den Beweis anzutreten, dass das nicht so sein muss. Die Resonanz auf das Angebot des 1. Lachendorfer Literaturherbstes in Bargfeld war überraschend und überwältigend:
Dass die Hermann-Löns-Lesung von Hermann Wiedenroth am Freitag Abend in Eldingen anlässlich der Bibliotheks-Eröffnung ihr Publikum finden würde, konnte man erwarten. Dass die Stühle knapp werden würden bei freiem Eintritt auch. Die Reaktionen der über 240 höchst amüsierten Zuhörer am Freitagabend in der Aula der Grundschule in Eldingen waren allerdings wirklich enthusiastisch.

Auch dass sich für Walter Kempowski, den großen deutschen Dichter und Chronisten der Nachkriegszeit, viele Lesefans auf den Weg nach Bargfeld machen würden, war an sich nicht überraschend, das Ausmaß überstieg dann aber doch das Erwartete: rund um das Gasthaus Bangemann gab es am Samstag-Abend keine Parkplätze mehr, der Vorraum zum Saal war ab 19 Uhr brechend voll, und da man niemanden nach Hause schicken wollte, mussten über 60 Stühle zusätzlich gestellt werden. Einzelnen Literaturfans nahmen sogar auf der Bühne neben dem großen deutschen Dichter Platz oder saßen im Hinterraum – natürlich ohne Eintritt zu zahlen – auf Barhockern.

So weit war der Andrang jedoch noch zu erwarten gewesen. Alles weitere  war eine sehr ermutigende und erfreuliche Überraschung für Veranstalter und Organisatoren des 1. Lachendorfer Literaturherbstes:
Schon am Samstag-Morgen schwärmten Dutzende Literaturinteressierte durch Bargfeld, um die Möglichkeit zu nutzen, das Haus und die Bibliothek von Arno Schmidt, die Fotografien-Serie „Paarweise“ von Marion Gülzow über das Ende des Schweinkrieges zwischen Eldingen und Steinhorste oder die Gemälde-Sammlung Bargfelder Maler (Vater und Sohn Schlotter, Lange u. a.) im Bücherhaus Bargfeld anzusehen.
Dass sich aber über 70 Zuhörer die ausgefallenen und auch formal skurrilen Theaterstücke von Bernd Rauschenbach und Jörg W. Gronius würden anhören wollen, darunter den aktionsreichen „Eschede-Western“ von 2001, dass Susanne Fischer ihre urkomische Geschichte über einen unfreiwilligen Zwischenhalt auf dem Uelzener Bahnhof und über den vergeblichen Versuch einer Frau, ihren vierzigsten Geburtstag mit einer neuen Bekanntschaft alleine zu verbringen über 80 Zuhörer in den Wolfschen Gutshof locken würde, dass Jörg W. Gronius seine zarten Gedichte aus dem Band „Beckfeld.Vertigo“ vor einem so zahlreichen und aufmerksamen Publikum präsentieren konnte:, das hat die Veranstalter doch beglückt und überrascht.
Brechend voll war am Samstag Abend im Anschluss an die Kempowski-Lesung auch das Bargfelder Nacht-Programm im Gasthaus Bangemann, und es waren nicht nur Bargfelder, die da saßen. Hermann Wiedenroth als Kommentator präsentierte erst Fotografien von Arno Schmidt und Gerd-Wilhelm Rotermund aus dem Bargfeld der 60er Jahre. Anschließend las, spielte und rezitierte Wiedenroth Arno Schmidts Text „Das zweite Programm“, ein Bravourstück kabarettistisch-literarischer Sprachkunst, 12 kleine böse Monologe über die Figuren aus Eberhard Schlotters Gemälde „Das zweite Programm“ zur Einführung des zweiten Deutschen Fernsehens im Deutschland der Adenauer-Zeit.
Zur Matinee mit Arno-Schmidt Texten am Sonntag-Morgen kamen über 110 Zuhörer. Sie erlebten eine Premiere: Bernd Rauschenbach und Joachim Kersten, die im Auftrag der Bargfelder Arno Schmidt Stiftung - häufig in Begleitung von Jan-Philip Reemtsma - schon überall in Deutschland Texte von Schmidt vorgestellt hatten, lasen zum ersten Mal gemeinsam in Bargfeld.

Über 75 Literaturinteressierte begaben sich mit Ulrich Goerdten, einem der vier Kleinverleger in Bargfeld,  auf eine Wanderung auf den Spuren von Arno Schmidt in und um Bargfeld. Die Gruppe begab sich auf einen eineinhalbstündigen literarischen Marsch zum Spannberg und zurück.
Anschließend konnten die Literaturfreunde Ulrich Goerdten im Wolfschen Gutshof als Autor mit seinen Bargfeld-Geschichten erleben.
Bei der großen Bargfeld-Auktion am Sonntag-Nachmittag wurden „Bargfelder Originale“ versteigert- zu Gunsten des Festivaletats. Darunter waren so wertvolle Stücke wie eine Vorzugsausgabe von Arno Schmidts „Abend mit Goldrand“ mit Original-Signatur, Original Flugblätter von Arno Schmidt oder ein kompletter Webstuhl aus dem 19. Jahrhundert, aber auch Skurrilitäten wie ein Ventilator aus den 50er Jahren, alte Schellack-Platten, Fallobst aus dem Garten Arno Schmidts oder ein Klavierhämmerchen aus dem Nachlass des Rittergutes. Der Renner war ein Original-Nachbau des berühmten und praktischen Schmidtschen Lesebalkens. Als Auktionator fungierte in unnachahmlicher Weise Hermann Wiedenroth, der in einer kabarettistischen Glanzleistung die jeweiligen geschichtlichen Hintergründe der einzelnen Objekte teils referierte, teils aus dem Stegreif ersann.
Der künstlerische Höhepunkt des Literaturherbstes war ohne Zweifel das Konzert mit dem Countertenor Denis Lakey und der Pianistein Graínne Dunne am Sonntag-Abend in der Eldinger Marienkirche. Vor 150 verzauberten Zuhörern sang Lakey ein unglaublich breitgefächertes, anspruchvolles und zugleich mitreißendes Programm mit italienischen, französischen, deutschen und englischen Liedern, darunter „Se tu m’ami“ von Pergolesi oder das „Ave Maria“ von Franz Schubert. Als letzten Programmpunkt gab es Spirituals. Als Lakey als Zugabe noch die – natürlich eigentlich für Sopran geschriebene - berühmte Habanera-Arie der „Carmen“ von Bizet sang, da wünschte sich wohl mancher als Fortsetzung beim nächsten Literaturherbst ein Konzert mit Opernarien mit Denis Lakey und Graínne Dunne.
Der Versuch, über Lesungen bekannter Literaten ein Publikum auch zu weniger bekannten und populären Autoren zu verführen, ist rundum aufgegangen: dafür sprechen nicht zuletzt ca. 120 verkaufte Tages- oder Gesamtkarten. Viele Literaturfans haben sich einfach das ganze Wochenende in Bargfeld und Eldingen verbracht, einige Auswärtige haben gar gleich in Bargfeld übernachtet – auch für die touristische Zukunft eine erfreuliche Perspektive. Insgesamt dürften die Veranstaltungen mit und ohne Eintritt von ca. 2.000 Zuschauern besucht wurden sein.
Auch finanziell ist das Experiment 1. Lachendorfer Literaturherbst voll aufgegangen. Natürlich verursacht ein so anspruchsvolles und aufwändiges Programm nicht wenig Kosten: Angefangen mit der Werbung mit Großplakaten an allen Litfasssäulen im Landkreis Celle, mit 5.000 Programm-Flyern, die zum Teil in verschickt wurden, mit aufwändig gestalteten Eintrittskarten und einem großen Internet-Auftritt.. Die an sich höchst erfreuliche Tatsache, dass so viele Gesamtkarten verkauft werden konnten, hatte natürlich die Kehrseite, dass die Besucher für die folgenden Veranstaltungen nicht noch einmal bezahlten. Die Technik für die Veranstaltungsorte in Bargfeld musste speziell für das Festival angemietet werden und verursachte nicht geringe Kosten.
Trotzdem konnte erreicht werden, dass die Samtgemeinde Lachendorf als Veranstalter des 1. Lachendorfer Literaturherbstes und mit ihr die Bürger der Samtgemeinde für dieses umfängliche Programm keine eigenen Mittel aufwenden musste. Das war möglich über den großzügigen Verzicht einiger Leser und Autoren auf ihre Honorare, durch finanzielle Unterstützung des Bücherhauses Bargfeld, der Regionalstiftung der Niedersächsischen Sparkassen und der Volksbank Celler Land sowie über viele Sponsoren aus den Bereichen Werbung und Veranstaltungstechnik. Beigetragen zum ausgezeichneten finanziellen Ergebnis hat auch die große Bargfeld-Auktion: Annähernd 1.000 Euro konnte die Auktion an Einnahmen zum Festivaletat beisteuern.

Ein Festival kann begeistern und Jubel erzeugen, aber letztlich doch immer nur das zeigen, was – im Verborgenen – bereits da ist. Das literarische Potential in der Samtgemeinde Lachendorf ist– nicht nur im Dichterörtchen Bargfeld – beachtlich. Das verdankt sich der kontinuierlichen Arbeit von Vorlesern, Autoren, Bibliothekaren und anderen Freunden des geschriebenen Wortes. Diese Arbeit zu belohnen und weiter zu ermutigen war der Hauptanliegen des Literaturherbstes. In diesem Sinne würde sich der Organisator freuen, wenn die Namensgebung „1. Lachendorfer Literaturherbst“ sich als wahr erweisen würde und bald weitere Literaturfestivals in der Samtgemeinde Lachendorf folgten.

ZUM NACHLESEN:
Programm des 1. Lachendorfer Literaturherbstes
Autoren, Leser & Künstler
Adressen des 1. Lachendorfer Literaturherbstes



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